Antoinette Glaubauf, geb. Rubin. 

 

Obwohl über Antoinette im Gegensatz zu ihrer umtriebigen älteren Schwester Rosa wenig bekannt ist, ist sie der Ausgangspunkt für einen der interessantesten Zweige der Familiengeschichte. Ihre Enkel wurden als Kommunisten während des zweiten Weltkriegs verfolgt und ihre Urenkelin lebt heute als Übersetzerin in Wien.


Ihre Geburt bzw. das Geburtsregister am 12.4.1850 belegt den Aufenthalt der Familie in Tarnapol. Die älteren Geschwister waren vermutlich in Buzacz oder Brody (belegt) geboren worden, die nachfolgenden in Wien (belegt). Antoinette wurde als Einzige in Tarnapol geboren. 

 

Franziskanerplatz
Franziskanerplatz

Mit 21 Jahren heiratet sie 1871 Leon Glaubauf (15.3.1848 Skara – 13.5.1935 Franziskanerplatz 1 oder Schellinggasse 5, 1010 Wien), die Hochzeit findet in der Synagoge in der Tempelgasse statt. Bei Antoinettes Vater Naftali Rubin heißt es, dass er Tempeldiener in der Leopolstadt war und nachdem mehrere seiner Kinder in der Synagoge in der Tempelgasse geheiratet haben, kann man annehmen, dass er dort seine Funktion innehatte. 

Leon Glaubauf betrieb am Franziskanerplatz 1 eine Drogerie.

Antoinette starb am 26.5.1921 mit 71 Jahren an Lungenkrebs, Franziskanerplatz 1. (Todesanzeige). Leon überlebte sie um 14 Jahre und starb 1935. Ihr gemeinsames Grab findet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof, Tor 4, Gruppe 10, Reihe 8, Grab 82. 

 


Die Kinder Ernst (geb. 20.10.1872) und Else (geb. 3.9.1874) wurden noch im 2. Bezirk in der Großen Schiffgasse 6 bzw. 4 geboren. Bei der Geburt der Tochter Madeleine (geb. 22.10.1880) wohnten sie in der Kumpfgasse 5 im 1. Bezirk. Das jüngste Kind Lily (geb. 10.4.1883) wurde wenige Straßen weiter im selben Bezirk in der Weihburggasse 23 geboren. In dieser Zeit dürfte Leon Glaubauf die Drogerie am Franziskanerplatz 1 eröffnet haben.

 

Die Nachkommen von Antoinette und Leon Glaubauf waren von der rassischen Verfolgung durch die Nazis besonders betroffen. Viele konnten fliehen, andere sind in Konzentrationslagern umgekommen, ein Enkel wurde als Kommunist in Berlin hingerichtet. Zu einer Urenkelin, Jeanne Glaubauf (Wien) und zwei Urenkeln, Hans Gruber (Wien) und Philipp Ulanowsky (USA) konnte Klaus Dünser im Zuge der Nachforschungen wieder Verbindung aufnehmen. 

 

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Das Paar hat fünf Kinder:

 

1 Friedrich Glaubauf (kein Geburtsdatum, Tod 6.9.1920), lebte in London, Heirat (kein Name vorhanden), sein einziger Sohn Herbert Victor Glaubauf (geb. 10.11.1912, London) starb am 4.9.1939 in London oder im Wiener Rothschildspital (Mail Eckstein, IKG).

 

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2 Ernst Glaubauf (geb. am 20. oder 2.10.1872, II, Große Schiffgasse 6 – am 9.7.1942 von Prag nach Theresienstadt und am 15.12.1943 nach Auschwitz deportiert), Heirat mit Ida Krasny (20.6.1874, Prerau – Tod/Deportation nicht belegt; Tochter des Moritz Krasny und der Julie geb. Hahndel) am 8.7.1900 in Göding, Mähren. Vermutlich lebte Ernst Glaubauf zu dieser Zeit bereits in Nordböhmen, denn das Aufgebot erfolgt in Wien und Aussig, als Wohnort ist Mariaschein angegeben (Quelle: Mail Eckstein, IKG, 8.11.2005). Kinder Zwillinge Hans und Fritz (geb. am 10.6.1901).

 

** Hans Glaubauf ist als Schriftsteller und Journalist weltweit für die kommunistische Internationale unterwegs, u.a. in Amerika, Chile, Russland. etc.? Er wird 1941 von den Deutschen in Paris verhaftet und am 8.10.1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Bei Nachforschungen fanden sich in einem Buch über österreichische Wiederstandskämpfer die Vollstreckungsurkunde sowie ein Abschiedsbrief.

 

*** Jeanne Glaubauf wird am 1. Mai 1937 als Tochter von Hans Glaubauf und Marianne Wehle in Paris geboren. Sie lebt heute als Übersetzerin in Wien. 

 

„Gut in Erinnerung ist mir der erste Kontakt mit Jeanne Glaubauf nach Recherchen im Wiener Stadtarchiv in den Todfallsaufnahmen Dort tauchte der Name Glaubauf auf. Die Spur führte zunächst. in das Dokumentationsarchiv des österr. Widerstandes. Dann stellte sich die Frage nach möglichen Nachkommen. Der Griff zum Telefonbuch war der nächste Schritt. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es im Wiener Telefonbuch drei oder vier Einträge mit diesem Namen. In der alphabetischen Reihenfolge war Jeanne Glaubauf der erste Name. Mit ziemlichen Herzklopfen fragte ich sie, ob sie mit Hans oder Fritz Glaubauf verwandt sei. Am Telefon sagte sie mir, dass sie Tochter von Hans Glaubauf sei. Meine Antwort war daraufhin: dann telefonieren sie jetzt mit einem Cousin dritten Grades.“

 

Klaus Dünser

 

** Fritz Glaubauf war als überzeugter Kommunist während des ganzen Krieges in Moskau und arbeitete dort für die kommunistische Internationale. Aus einer Heirat stammt die Tochter Ina, die noch heute in Moskau lebt. Zurück in Österreich heiratet er ein zweites Mal, schreibt als Redakteur für die kommunistische Zeitung "Die Volksstimme" und wird nach 1945 Nationalratsabgeordneter für die kommunistische Partei. Fritz Glaubauf stirbt am 9.5.1975.

Aus seiner zweiten Ehe mit Karla Kampf stammen die Kinder Marianne und Hans.

 

Anekdote: Uri Mittelberger, Fritz Glaubaufs Cousin zweiten Grades, holt sich über seinen Bruder, den Geistlichen Meinrad Mittelberger, die kirchliche Dispens, um die "Volksstimme" lesen zu dürfen. Sicherlich hätte es ihn amüsiert, einen Verwandten als Redakteur zu wissen! Quelle: Helga Mittelberger

 

 

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3 Else Glaubauf (3.9.1874, II, Große Schiffamtsgasse 4 – 22.11.1954, Wien Penzing).

Für Else Glaubauf finden sich mehrere Adressen, aus denen sich auf ihren Lebensverlauf schließen lässt. 

Vom 14.11.1921 - 18.1.1922 ist sie in der Schwarzenbergstraße 8/4/8, Wien I, gemeldet, nachdem sie am 19.11.1921 den Prokuristen Jakob Braun (7.10.1868, Nagy-Surany, Ungarn – 1.10.1933 Wien, Ameisgasse 19/1/4) geheiratet hatte. 

 

Wenige Tage nach der Abmeldung in der Schwarzenbergstraße ist das Paar in der Ameisgasse 19/1/14, Wien XIIV, gemeldet, bis zum Tod des Jakob Braun am 1.10.1933. 

Die Adresse Ameisgasse wurde zu einem späteren Zeitpunkt vom amerikanischen Geheimdienst für Propagandaaktionen verwendet, damals war als Adressatin Else Glaubaufs neun Jahre jüngere Schwester Lily angegeben. 

 

Weitere Meldungen lauten auf

25.3.1942 - 22.7.1942: 14, Ameisgasse 19; abgemeldet: Theresienstadt

10.7.1945 - 20.11.1954: 14, Ameisgasse 19/3/4; vorher: KZ Theresienstadt

(Quelle: Mail Denk, MA 8, Wiener Stadt- und Landesarchiv, 8.11.2005)

 

Else Glaubauf soll das Konzentrationslager dank ihrer Kochkünste überlebt haben, sie soll für das Wachpersonal gekocht haben. 

 

Als weiterer Ehemann scheint ein Herr Antonovich auf, Details sind unbekannt.

 

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4 Madeleine Glaubauf (geb. am 22.10.1880, I, Kumpfgasse 5), Heirat am 28.7.1912, Seitenstettengasse 4, mit dem Witwer Friedrich Pick (aus Dresden, geb. am 4.2.1862, Teplitz).

Lebte nach 1945 in Uruguay. Laut Berichten ihrer Großnichte Jeanne Glaubauf beschwerte sie sich in Briefen 90jährig, dass ihr der Arzt das Baden im Meer verboten hatte.

 

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Hotel Bristol
Hotel Bristol

5 Lily Malwine Glaubauf (geb. am 10.4.1883, I, Weihburggasse 23). Heirat mit Max Ulanowsky (1873, Koligorka, Russland – 5.5.1933, Wien). Ulanowsky war Musiker, Gesangslehrer und Komponist, ein Eintrag über ihn findet sich im Musiklexikon.

Lily Glaubauf war als Sängerin ausgebildet und besaß und führte eine Drogerie/Parfumerie im Hotel Bristol am Kärntnerring 3. Das Paar heiratete 1906. 2005 fand sich im Internet ein Eintrag, der belegte, dass Lili Ulanowsky am 7.4.1920 im Wiener Konzerthaus "Japanische Liebeslieder" von Lustgarten unter George Szell gesungen hat. 

 

Von 1.2.1010 - 5.5.1933, dem Todesdatum Max Ulanowskys, war das Paar in Wien I, Schellinggasse 5 gemeldet. Des weiteren findet sich für Lily Glaubauf die Meldung

30.7.1938 - 15.8.1939: 13, Ameisgasse 19/1/3; abgemeldet: England

(Quelle: Denk, MA 8, Wiener Stadt- und Landesarchiv, 8.11.2005)

 

Mit einer Beschlagnahmeverfügung von 31.10.1941 wurden ihnen alle Rechte und Ansprüche vom Deutschen Reich entzogen. Vom 11.11.1941 datiert das Dokument zur Enteignung, "Betriebsentjudung". Ihr Geschäft befand sich somit ganz in der Nähe der Sirk-Ecke, eines der bekanntesten Treffpunkte Wiens am Ring. 

Sie besaß auch die Grundparzelle 1877/78 in Hernals.

 

Lily Glaubaufs Adresse Ameisgasse 19 erlangte im Internet Berühmtheit weil sie wie viele andere für die Operation Cornflakes des amerikanischen "Office of Strategic Services" verwendet worden war. Vom 11. April 1945 datiert eine solche an Lily Glaubauf adressierte Sendung, deren Ziel es war, die Reichspost dazu zu bringen, unwissend Anti-Nazi-Propaganda zuzustellen. Frankiert waren diese Briefe mit einer Briefmarke eines Hitler-Portraits, das sich bei näherem Hinsehen jedoch als Hitlers Totenkopf entpuppte und die statt wie die Originalbriefmarke mit "Deutsches Reich" mit "Futsches Reich" unterzeichnet war. 

 

Austritt aus Judentum 20.10.1906, zeitgleich mit Heirat?

 

 

Das Paar Lily und Max Ulanowsky hat eine kleine Künstlerdynastie in die Welt gesetzt:

 

* Paul Alexander Ernst Ulanowsky (4.3.1908 – Aug 1968 USA) (www.paul-ulanowsky.org) war Pianist und bevorzugter und jahrelanger Klavierbegleiter Lotte Lehmanns. Dies bezeugen zahlreiche Schallplattenaufnahmen. In den USA war er auch als Musiklehrer sehr gefragt, was durch die von seinem Sohn Philip Ulanowsy gestaltete Website hinreichend belegt ist.

 

Paul heiratete in den USA eine relativ vermögende amerikanische Filmgröße. Das Paar hat drei Kinder. 

 

** Alexander Ulanowsky (geb. 1943 - 28.2.1993), Jazzmusiker und Professor. Aus einem im Boston Globe veröffentlichten Nachruf geht hervor, dass Ulanowsky u.a. an der Berklee School of Music studiert und gelehrt hat. Aus der Ehe mit Martha geb. Hoglund stammen die beiden Kinder Andreas und Katherine. Andreas lebt in Skandinavien.

 

** Philip Ulanowsky (geb. 10.4.1952) ist Fotograf und hat die Homepage über seinen Vater gestaltet. In einer Mail erzählt Lily Glaubaufs Enkel dass er sich nur schlecht an seine Großmutter Lily erinnern kann, die in der Nähe der Familie in Massachusetts lebte. Als ihr Enkel geboren wurde war sie 69 Jahre alt. Interessanterweise teilen sich Großmutter und Enkel den Tag des Geburtsdatum, den 10. April.

 

** Karin Hagan 

 

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* Lilian Hermine Ulanowsky (geb. am 22.10.1910, Wien). Ausbildung als Sängerin. Heirat mit Dennis (Nachname unbekannt). Tochter June. 

 

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Johann Peter Ulanowsky (geb. 29.1.1912, Wien). Erzählungen Jeanne Glaubaufs zufolge konnte Johann Peter Ulanowsky - eventuell auch seine Schwester Lilian - nach England emigrieren. Die Suche nach Nachkommen dieser Vorfahren gestaltete sich schwierig, anzunehmen ist, dass Johann bzw. Lilian Ulanowsky ihre Nachnamen geändert haben. 

 

Aus einem Mail von Philip Ulanowsky an Klaus Dünser vom 13.9.2006 geht hervor, dass Peter zwei Kinder bekam, Katherine und William, beide wurden in England geboren. 

 

Paul war vermutlich als Erster ins Ausland gegangen, ev. konnten seine anderen Geschwister das Land als "Halbjuden" noch verlassen.